Freigeld“ soll das Zinsproblem lösen, sowie die Probleme Arbeitslosigkeit, Massenarmut und das Auseinanderreißen der Gesellschaft zwischen Arm und Reich. Ist Freigeld bzw. die Freiwirtschaft oder Humanwirtschaft tatsächlich eine Lösung, wenn man diese Probleme lösen will?

Verfaulendes Geld

Für das Problem von Schulden und Zinsen gibt es u.a. den Lösungsansatz der „Umlaufsicherung“ von Geld.

Bekannte Varianten sind das „neutrale Geld“ von Prof. Dieter Suhr und das „Freigeld“ von Silvio Gsell. Dabei wird Bargeld und eigentlich auch Giralgeld (Geld auf Girokonten / Buchgeld) mit einem ständigen Wertverfall versehen (je nach Autor 4-12% pro Jahr). Das Geld selbst wird in einem solchen System also besteuert. Freigeld „verfault“ durch dessen Besitz. Dies soll die Geldbesitzer dazu motivieren, ihr Geld nicht zu horten, sondern so schnell wie möglich für den Konsum auszugeben.

Nach dem „Greshamschen Gesetz“ wird das Freigeld unser bisheriges „Fiat-Geld“ (Euro, Dollar, etc.) verdrängen – eben weil es „verfault“, wenn man es nicht schnellstmöglich ausgibt. Das „Fiat-Geld“ wird dagegen gehortet – und verschwindet aus dem alltäglichen Zahlungsverkehr.

Die Gültigkeit von Freigeld ist in den bisherigen praktischen Anwendungen auf relativ kleine Regionen beschränkt, auch um als Nebeneffekt die regionale Wirtschaft zu stärken. Daher wird solches Geld als „Regiogeld“ bezeichnet (siehe z.B. Interview mit Margrit Kennedy in der SZ vom 11.11.08).

Der österreichische Ort Wörgl setzte 1932/33 das Freigeld/Regiogeld mit einem solchen Erfolg ein, daß die Regierung es nach 14 Monaten unter Androhung eines Einsatzes der Armee zwangsweise beendete. Wörgl bewies, daß das System zumindest für kurze Zeit in einem kleinen Ort positive Effekte haben kann. Aber funktioniert es auch dauerhaft in einem großflächigen Land? Und kann es überhaupt die Probleme der Ungleichverteilung und Arbeitslosigket beseitigen, wie von dessen Anhängern behauptet wird?

Freigeld, Freiwirtschaft, KritikDas weltweit erfolgreichste Freigeld/Regiogeld – der 2003 gestartete „Chiemgauer“ – ist in einer Region mit 480.000 Bundesbürgern gültig. Allerdings nutzen bisher nur 3.500 Bürger den Chiemgauer in einem Volumen von nur 4 Mio. Euro. Die Idee ist durchaus charmant, hat aber auch einen Nachteil, der eine ausreichende und dauerhafte Akzeptanz bei den Bürgern eher unwahrscheinlich macht:

Nicht mehrheitsfähig

Wer will schon, daß seine Ersparnisse „verfaulen“, also immer wertloser werden? Im Land der Sparer ist das kaum vorstellbar. Welchen Aufschrei „Sparerenteignung“ auslöst, zeigen z.B.:

Ausnahmen und Unschärfe

Also ersannen die Anhänger des umlaufgesicherten Geldes Ausnahmen: Wer sein Geld auf Sparbüchern oder in Immobilien, Wertpapieren oder sonstigen Unternehmensbeteiligungen anlegt, kann die Geldentwertung umgehen.
Durch diese Ausnahmen verliert das umlaufgesicherte Geld den größten Teil seiner Wirkung, weil das Bargeld nur rd. 2% Anteil am gesamten Volksvermögen ausmacht. Wenn die Umlaufsicherung seine  Wirkung entfalten soll, muß das gesamte Geld in den Umlauf gezwungen werden – also das Geld auf Sparbüchern und Festgeldkonten, und auch alle anderen Sparformen wie Aktien, Schatzbriefe, Rentenfonds, Aktienfonds und Lebensversicherungen.

Da das mit den deutschen Sparern nicht zu machen ist, drängt sich die Frage nach einer Trennung zwischen Sparvermögen und liquidem Vermögen auf. Aber wie soll man das abgrenzen? Soll man Sparer, die mit Aktienfonds für ihr Alter vorsorgen, für die „Hortung von Geldanlagen“ bestrafen, indem man Wertpapiere „verfaulen“ läßt? Sollte man für Sparbücher eine Ausnahme machen – und warum dann nicht auch für Tagesgeldkonten und Schatzbriefe?

Die Frage ist unbeantwortet, wie man eine Grenze zwischen Geldformen ziehen kann, die „verfaulen“ sollen – oder auch nicht. Selbst, wenn es eine solche Abgrenzung gäbe, würde eine Flucht aus den benachteiligten in die privilegierten Anlageformen das System umgehen.

Freigeld ist leicht zu umgehen

Ganz im Sinne von Dietrich Dörners Buch „Die Logik des Misslingens / Strategisches Denken in komplexen Situationen“ schafft  man mit einer Problemlösung neue bzw. andere Probleme. Wenn die Geschichte der Menschheit eines lehrt, dann ist es die Gewißheit, daß Menschen alles ihnen Mögliche unternehmen, um Abgaben zu umgehen. Folglich ist es logisch, daß eine Flucht aus dem Bargeld vor allem in Immobilien, Wertpapiere und sonstige Unternehmensbeteiligungen stattfinden wird – und das auch wieder mit entsprechenden Rendite- bzw. Zinsforderungen, die das System doch eigentlich bekämpfen will.

Eine Antwort auf Immobilienspekulationen sehen die Anhänger des Freigelds im „Freiland„, also einem Konzept, in dem aller Boden Eigentum der Gemeinden bleibt und die Nutzer ihn lediglich pachten können. Auch das ist eine grundsätzlich gute Idee. Allerdings löst man damit das Problem der Immobilienzinsen (Mietzinsen) nicht, denn die auf dem Boden stehenden Gebäude stellen den Hauptanteil des Gesamtwerts von Immobilien dar und wirken weiterhin als Kapitalanlage (mit Zinsforderungen). Wie man Mietzinsen und sonstige Immobilienkosten senken kann, lesen Sie hier in Kürze.

Noch höhere Vermögenskonzentration

Desweiteren würde das Freigeld eine massive Umschichtung von Geld in Unternehmensbeteiligungen auslösen. Die finanzielle Oberschicht würde daher alle werthaltigen Unternehmen (keine wertlosen 1-Mann-Unternehmen) aufkaufen – und dafür auch wieder Renditen/Zinsen fordern.

Wollen wir in einem System leben, in der alle werthaltigen Unternehmen einer kleinen Oberschicht gehören, und alle anderen für die Oberschicht arbeiten?

Wie man die Konzentration von Unternehmensanteilen und Wohnimmobilien in den Händen einer kleinen Oberschicht beseitigt, lesen Sie unter „Vermögensbeschränkungen„.

Zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit und Niedriglöhnen taugt Freigeld leider nicht, weil es die Ursachen nicht beseitigen kann (Rationalisierungen, Automation, Mismatch, etc.).

Aber seinen ursprünglichen Zweck, gehortetes Bargeld in Umlauf zu bringen und Zinsen zu drücken, erfüllt es besser als alle anderen bisherigen Konzepte, die dieses Ziel verfolgen. Bis jetzt.

Eine grundsätzlichere Lösung

economy4mankind wirkt noch grundsätzlicher gegen das tatsächliche Zinsproblem – durch liquide Bürger und Unternehmen – und einen minimalen Kreditbedarf (mehr).