Käseglocken-Analysen: Beispiel Gabor Steingart, Handelsblatt

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Gabor Steingart, Herausgeber von Handelsblatt und Wirtschaftswoche und Vorsitzender Geschäftsführer der Handelsblatt Gruppe, schreibt zuweilen kluge Dinge. Oft aber auch Analysen, die sich nur dadurch erklären lassen, dass er unter seiner Upper-Class-Käseglocke den Bezug zur Realität verloren hat.

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Oben Sehen Sie einen Screenshot seines heutigen “Morning Briefings”, in dem Herr Steingart erklärt, was wichtig sei, bzw. wie er die Welt sieht. Heute lautete seine Meinung:

Der gestrige Dax-Rekord von 12.951 Punkten sendet ein unverkennbares Signal ökonomischer Stärke. Viele Konzerne – vorneweg Daimler, Adidas, Siemens, Bayer und SAP – sind in historischer Bestform. Die Gewinne sprudeln, die Innovationspipeline ist gut gefüllt, das Beschäftigungsniveau steigt. Auch die Krisenkandidaten der letzten Jahre – hier sind vor allem VW, Deutsche Bank und Eon zu nennen – haben nach schmerzhafter Katharsis das Krankenlager verlassen.

Welch eine Fehldiagnose

An dieser Fehldiagnose gelesen. Da stimmt aber auch nichts:

  • Ein Aktienindex ist kein Zeichen “ökonomischer Stärke”, denn seit einigen Jahren spiegeln Aktienkurse nur noch den “Anlagenotstand” durch Niedrigzinsen wider. Ebenso wie bei Immobilien weiß die Upper Class nicht mehr, wohin mit ihrem Geld, und treibt Aktienkurse und Immobilienpreise als Blase nach oben. Die Zeche zahlt der Rest der Gesellschaft.
  • Währenddessen verfügen die unteren 90% der Bürger / Haushalte über kein Geld für Kapitalanlagen. 90% besitzen keine einzige Aktie. Es gibt für die unteren 90% nichts Irrelevanteres als Aktienkurse. Genau genommen sind sie sogar schädlich für alle – durch den Dividenden- und Kurssteigerungsdruck, der zu Lasten von Beschäftigen geht.
    Stattdessen müssen die unteren 70% völlig überteuerte Mieten und Kaufpreise für Häuser und Wohnungen zahlen. Wer nicht erbt, muss sich bei Immobilien immer stärker verschulden.
  • Das Beschäftigungsniveau steigt durch Niedriglohn und Gehaltsstagnation der Mittelschicht.
  • Die Krise Europas basiert zum Großteil auf der “wirtschaflichen Blütezeit Deutschlands”, da der Euro massiv Exporte verbilligt. Hätten alle Euro-Länder noch ihre eigenen Währungen mit schwankenden Wechselkursen, wären Deutsche Exporte mindestens 50% teurer und Importe 30-40% billiger. Hinzu kommt die Lohnstagnation, die eine “Blüte” bei Bilanzen und Unternehmenseigentümern auf Kosten der meisten Angestellten bedeutet.
  • Daimler und VW sind ein Strohfeuer, bevor chinesische Hersteller den elektrischen Pkw Markt der Zukunft übernehmen. Die “Innovationspipeline” ist eben nicht gut gefüllt. Ganz im Gegenteil krallt sich die deutsche Automobilindustrie an Technologien von gestern.
  • Die Deutsche Bank schlittert von Kapitalverbrechen zu Kapitalverbrechen und findet keinen Weg zu legalen hohen Profiten. Die Deutsche Bank müsste eigenlich ihre Banklizenz verlieren, und alle Straftäter auf Vorstands- und Bereichsleiterebene gehören für Milliardenbetrügereien ins Gefängnis. Lediglich die schützende Hand der Regierungsparteien verhindert die überfällige Abwicklung der Deutschen Bank.
  • Energiekonzerne wie Eon verlieren durch das Festhalten an Kohle und Atom den Anschluss. Sollte irgendwann eine Bundesregierung die Interessen des Volkes vertreten – und die künftiger Generationen – präsentiert sie den Atomkonzernen wie Eon die Rechung zur Lagerung von Atommüll für 1 Mio. Jahre. Im selben Moment sind Eon, RWE, Vattenfall und EnBW bankrott.

Das alles ist also überhaupt kein Grund, wie Herr Steingart die Sektkorken knallen zu lassen und wie ein Froschkoch zu propagieren, es ginge für “Deutschland” oder alle Bürger aufwärts.

Für den “Froschkoch des Monats” reicht es allerdings nicht. Da liegt Henrik Müller vom Spiegel im Juni uneinholbar vorn (darauf kommen wir beim “Froschkoch des Monats Juni” zurück).