PSD2: Warum gibt die EU Amazon & Co Zugriff auf Ihr Bankkonto?

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Das EU-Parlament nickte einen Vorschlag der EU-Kommission ab, mit der Konzerne wie Amazon und Apple sowie externe Finanzdienstleister ab heute (13.01.2018) Einblick in Ihr Bankkonto erhalten. Man fragt sich: Warum bloß? Und wie kann man sich wehren?

EU-Bürger – jetzt noch gläserner

Die „Payment Services Directive 2″ (PSD2) ist die Zahlungsdienste-Richtlinie (2015/2366) des Europäischen Parlaments und des EU-Rates. Damit können Amazon, Apple, Google, Otto und andere eCommerce-Anbieter sowie Finanzdienstleister nicht nur Geld abbuchen, sondern über den Zeitraum der letzten 3 Monate auf Ihrem Konto sehen:

  • Wie hoch Ihr Gehalt oder Ihre Rente ist
  • Ob Sie arbeitslos sind und ALG 1 oder ALG 2 erhalten
  • Ob Sie kreditwürdig sind
  • An wen Sie wie hohe Kreditraten zahlen
  • Wohin Sie reisen (Hotel- und Tankrechungen)
  • Ob Sie zur Miete oder in einer eigenen Immobilie wohnen
  • Wie hoch Ihre Miete ist
  • Wer Ihr Vermieter ist
  • Ob Sie ein Auto haben und wie groß der Hubraum ungefähr ist (Kfz-Steuer)
  • Bei wem Ihr Auto versichert ist und wie hoch Ihre Prämie ist
  • Ob Ihr Auto abbezahlt ist oder ein Kredit dafür läuft
  • Wie oft und wie hoch Ihr Konto im Dispo ist
  • Ob Sie Unterhalt zahlen oder erhalten
  • Bei wem Sie Strom, Gas etc. beziehen
  • Wer Ihr Mobilfunk- und DSL-Provider ist
  • In welchen Vereinen, Gewerkschaften oder Parteien Sie Mitglied sind
  • Wieviele Kinder Sie haben (Kindergeld)
  • Welche Zeitschriften, Zeitungen etc. Sie abonniert haben
  • Ob Sie Geld an Inkassounternehmen zahlen
  • Wie oft Sie in welcher Höhe wo einkaufen
  • Ob Sie Dinge kaufen, von denen Sie nicht wollen, dass Dritte es wissen (Sexspielzeug, …)
  • Welche sexuelle Orientierung Sie haben (Gebühren für homo- oder heterosexuelle Datingportale).
  • und vieles mehr

Welcher Bürger kann daran ein Interesse haben?

Der Deutschlandfunk (DLF) leitet seinen Bericht ein mit „Die PSD2-Richtlinie soll für mehr Wettbewerb zwischen Banken und Finanzdienstleistern sorgen und für Verbraucher das Banking bequemer, billiger und sicherer machen.“

Immerhin zitiert der DLF einen Verbraucherschützer:

„Wir müssen, wenn wir so einen Dienst nutzen, quasi diesem Dienst unseren Hauptschlüssel zum Konto, unsere Zugangsdaten zum Online-Banking weitergeben. Und das finden wir problematisch, zum einen, weil man als Verbraucher dann nicht wirklich kontrollieren kann, auf welche Daten der Dienst tatsächlich zugreifen kann, wir Verbraucher müssen einfach vertrauen. Und das Zweite ist, dass natürlich auch Täter auf die Idee kommen könnten, sich als so ein Dienst darzustellen.“

Neoliberaler Jubel über neue Möglichkeiten

Die EU und neoliberale Medien wie der Focus jubeln:

„PSD2 raubt Banken das Monopol beim Zugriff auf Kontodaten – und soll unser Banking bequemer, billiger und sicherer machen.“

Sicherer, indem Dritte Zugriff auf unsere hochsensiblen persönlichen Daten und Finanzen erhalten? Billiger, obwohl Überweisungen heute längst kostenlos sind? Bequemer, obwohl sich Zahlungen heute schon bequem sind und sich dabei nichts verbessert?

Der eigentliche Grund zum Jubel: Mit all den Daten kann man die Bürger noch zielgenauer mit Werbung und Finanzierungsangeboten beglücken, mehr Profit erzielen und eine engere Kundenbindung erreichen. Gut für Konzerne, die Marktanteile auf Kosten kleinerer Händler gewinnen.

Der Focus hat entweder das Thema nicht verstanden, oder er wirft eine neoliberale Nebelkerze, wenn er behauptet, die EU habe „das maschinengesteuerte Auslesen von Girokonten, das Auskunft über sämtliche Zahlungen und Gewohnheiten von Bankkunden gibt, verboten.“

Dass das genaue Gegenteil zutrifft, erklärt Miriam Wohlfarth, Geschäftsführerin des Ratenzahlungsdienstleisters Ratepay, im Deutschlandfunk:

„Theoretisch ist es jetzt bald möglich, dass überall nochmal Firmen entstehen, die zum Beispiel darüber informieren, dass komische Abbuchungen auf dem Konto sind, die irgendwelche Dienste rund um das Konto bringen.“

Und das ermöglicht natürlich nur das maschinengesteuerte Auslesen von Girokonten.

Deutschlands größte regionale Tageszeitung, die WAZ, nennt einen weiteren großen Vorteil für eCommerce-Konzerne: Eine noch engere Kundenbindung und noch mehr Profit für Amazon & Co:

„PSD2 erlaubt Onlineshops, künftig eine Zahlung selbst abwickeln zu können. Kreditkarten oder ähnliches wären nicht mehr nötig. Amazon etwa hätte direkten Zugriff auf die Bankdaten und könnte dem Kunden ein Bezahlverfahren mit Pin und Tan oder biometrischem Fingerabdruck anbieten, dass direkt auf das Konto zugreift.“

Das absurde Feindbild: „Alle Banken sind böse“

Banken sind böse. Das weiß man ja. Und zwar alle. Goldman Sachs ist tatsächlich ein Riesenpoblem. Oder die Deutsche Bank. Oder so viele andere Großbanken, die die Politik weltweit weiter gewähren lässt.

Aber die Sparkasse Gummersbach-Bergneustadt, die Sparda-Bank Augsburg, die Raiffeisenbank Grevenbroich oder die Volksbank Bad Oeynhausen-Herford?

Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, Genossenschaftsbanken und die Postbank sind definitiv überhaupt kein Problem.

Was ist das für ein „Monopol“, von dem der Focus spricht? Wenn eine Bank die einzige wäre, die Kredite vergeben oder den Zahlungsverkehr abwickeln kann, dann wäre das ein Monopol.

2016 gab es in Deutschland 1.888 Banken mit 36.005 Filialen. 1.888 Wettbewerber sind kein Monopol, sondern eine Branche. Da könnte man auch behaupten, die Gesamtheit aller Ärzte oder Rechtsanwälte hätten ein Arzt- oder Rechtsanwaltsmonopol.

Wer braucht noch mehr Wettbewerb bei Banken? Die Zahl der Banken und Filialen sinkt ständig, weil der Markt völlig übersättigt ist. Auch bei reinen Onlinebanken haben Verbraucher eine reichliche Auswahl. Nach wie vor gibt es kostenlose Konten und Kredite zu extrem niedrigen Zinsen. Das Argument, PSD2 sei für noch mehr Wettbewerb nötig, ist also eine dreiste Lüge.

Es ist auch kein schädliches „Monopol“, die Kontodaten seiner Kunden vor Dritten zu schützen. Und genau diesen Schutz zerstört die EU als Mogelpackung eines angeblich besseren Verbraucherschutzes.

Verbraucherschutz XXS

Verbraucherschutz hört sich immer gut an. Tatsächlich enthält PSD2 kleine Verbesserungen (Haftungsgrenze bei Missbrauch von Kredit- und EC-Karte von 150 auf 50 € gesenkt). Das war es im Wesentlichen aber auch. Das kann man auch ohne PSD2 beschließen. Besonderer Witz dabei: Dieser Verbraucherschutz gilt nicht, wenn Sie Geld in Drittländer überweisen, also wenn Sie z.B. bei ebay oder im Amazon Marketplace Geld an einen Händler aus China überweisen und keine Ware erhalten.

Was als großer Verbraucherschutz verkauft wird, hat aber erhebliche Nachteile für Versandhändler und Kunden. Oder es ist wirkungslos.

Wirkungslose Placebos

Wenn Sie einen Mietwagen oder ein Hotelzimmer mit einer Kreditkarte buchen, war es bisher üblich, daß Vermieter und Hotels einen Betrag auf Ihrer Kreditkarte als Kaution sperren, bis das Fahrzeug oder Zimmer einschließlich eventueller Schäden abgerechnet ist. Das kostet Sie nichts. Lediglich ein Teil Ihres Kreditlimits wird für die Dauer der Miete blockiert. Gibt es keinen Schaden, zahlen Sie nichts.

Künftig müssen Sie dem zustimmen. Was ändert sich nun durch PSD2? Sie können die Zustimmung verweigern. Dann erhalten Sie das Auto / Hotelzimmer nicht. Oder Sie stimmen wie bisher zu. Es ändert sich also überhaupt nichts.

Kosten: Ein Nullsummenspiel

Obwohl der Handel angeblich profitieren soll, lehnen gerade die kleineren Händler PSD2 ab. Neben EC- oder Kreditkartendaten, IBAN, BIC und Nutzernamen der Kunden sollen Händler Fingerabdrücke verwalten oder auf eigene Kosten eine SMS an die Kunden senden. Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland (HDE) meint dazu:

„Solche Hürden machen Zahlungen im Internet alles andere als bequem und können schlimmstenfalls dazu führen, dass Kunden den Einkauf abbrechen.“

Das heißt: Für den Handel entstehen Kosten, und der Umsatz sinkt. Die Kosten müssen gegenfinanziert werden. Das ist nur über die Preise möglich. Folglich werden zwar die Bankgebühren abgeschafft, aber die Preise entsprechend steigen. Unterm Strich ist es ein Nullsummenspiel.

Wie können sich Bürger wehren?

psd2 zugriff bankkonto amazon eu agb lesenTheoretisch kann sich der Bürger wehren, indem er eine Zustimmungspflicht nutzt und die Zustimmung verweigert. Sascha Lobo erläutert brillant unter „Bequemlichkeit schlägt alles, sogar deutsche Bedenken“, wie die Konsumenten durch eine Mischung aus Verführung, Bequemlichkeit und Ignoranz die Zustimmung zur eigenen Überwachung geben.

Amazon & Co haben ein enorm großes Interesse an Ihrer Zustimmung zum Zugriff auf Ihr Bankkonto. Also werden sie mit ihren Juristen, ihren politischen „Verbindungen“ (siehe unten), all ihrer Marketing-Erfahrung und ihren technischen Möglichkeiten Wege finden, um von möglichst vielen Kunden die Zustimmung zu erhalten.

Wer es schafft, die Kunden dazu zu bewegen, sich für fast 100 € mit einer „Wanze namens Alexa“ (Handelsblatt, siehe auch ZDF Doku „Amazon – Gnadenlos erfolgreich) selbst zu verwanzen, schafft auch das bei Millionen von Konsumenten.

  • Es können Buttons sein, die man einfach wegklickt, damit es endlich weiter geht (oder weil sie stören) – wie bei den nervig-überflüssigen Cookie-Buttons, die heutzutage fast jede Website hat.
  • Es könnte auch die Zustimmung zu PSD2 in Allgemeinen Geschäftsbedingungen sein (die niemand liest).
  • Es können Anreize sein, zum Beispiel Rabatte.
  • Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Zustimmung zu PSD2 zur Voraussetzung wird, um auf Rechnung kaufen zu dürfen – oder um bestimmte Produkte und Dienstleistungen überhaupt kaufen zu können.

In ersten Diskussionen kommen Bürger auf die Idee, ihre Finanzen auf mehrere Konten aufzuteilen, zum Beispiel zusätzlich kostenlose Konten bei Comdirect, der ING Diba etc. einzurichten. Dann haben die Konzerne und Finanzdienstleister zwar ggf. nur Zugang auf eines der Konten. Aber wenn Ihre Gehalts- und Mietzahlungen und nicht dabei sind, ist auch Ihre Kreditwürdigkeit gleich Null.

Dennoch sind getrennte Konten eine gute Möglichkeit, wenigstens einen Rest Privatsphäre zu erhalten. Allerdings arbeiten die EU und die Finanzdienstleister bereits daran, alle Konten eines Bürgers zusammen zu erfassen.

Bleibt nur noch, auf Einzugsermächtigungen, Paypal & Co zu verzichten, per Überweisung zu zahlen und keine Bankdaten bekanntzugeben. Was bedeutet, dass sich die Lieferung verzögert, bis die Überweisung beim Händler eingegangen ist. Damit sind wir wieder bei dem (4 Absätze weiter oben) von Sascha Lobo beschriebenen Bequemlichkeitsproblem.

Wozu das alles?

Es gibt kein Problem für Amazon & Co, das die Politik lösen müsste. Amazon, Apple, ebay, Facebook & Co sind das Problem. Es gibt auch kein Problem für Konsumenten, dass PSD2 löst.

PSD2 „soll Finanz-Start-ups stärken“. Aber warum? Was haben Verbraucher davon? Die Frage ist im obigen Text bereits beantwortet: Bürger haben fast ausschließlich sehr große Nachteile.

Weitgehend überflüssigen und schädlichen Start-ups Geschäftsfelder zu erschließen, ist auch eine seltsame Begründung. Am meisten Sinn ergibt die übliche Erklärung für unbegreifliche Handlungen der politischen Entscheider: „Cui bono?“ Wer profitiert davon?

Die großen Konzerne wie Amazon, Apple und Google sind die großen Profiteure von PSD2. Schmiergelder dieser Konzerne wären also – mal reeeeiiiiinnnn hypothetisch gedacht – eine logische Erklärung für den Zugriff auf der Bankkonto-Daten der Konsumenten.

Alternativ ist natürlich die zweite übliche Erklärung möglich: Die Entscheider haben gar nicht verstanden, was sie da beschlossen haben.

Womit wir beim Klassiker sind: Inkompetenz oder Korruption – was hätten Sie lieber?

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